Hymne auf die historische Filterblase: „Das Wiener Kaffeehaus”

Hymne auf die historische Filterblase: „Das Wiener Kaffeehaus”

Der neue Sammel- und Bildband „Das Wiener Kaffeehaus“ feiert die ersten 335 Jahre des Kult- und Kulturortes – eine willkommene Ablenkung in außerordentlichen Zeiten.

Von Benedikt Kapferer

Innsbruck – Egal ob das Hawelka, das Griensteidl oder das Central: „Ein Charakteristikum der Wiener Kaffeehäuser war, dass in jedem ein ganz bestimmtes Stammpublikum anzutreffen war“, so Käthe Springer-Dissmann im neuen Band „Das Wiener Kaffeehaus“. Der Gang zum Kaffeefilter wurde damit gleichsam zum Rückzug in die vertraute Filterblase.

„Du findest keine, die dir passt – ins Kaffeehaus!“, rief Peter Altenberg schon 1918 zum Dating in der Echokammer auf. Was im digitalen Zeitalter für so manche Instagram, Tinder oder das E-Paper sind, waren damals Billardtisch, Kartenzimmer oder das Zeitungsblatt. Speziell das entspannte Verschlingen der Tagespresse stammt aus einer Ära, in der die Menschen zu den Nachrichten kamen und nicht die Nachrichten zu den Menschen.

Nachdem der armenische Handelsmann Johannes Diodato 1685 das erste Kaffeehaus Wiens öffnete, erobert­e das Heißgetränk die städtische Kultur. 335 Jahre sind für Herausgeber Christian Brandstätter Anlass für eine Rückschau und Würdigung. Das Kaffeehaus ist Zufluchts- und Sehnsuchtsort, sozialer Treffpunkt, Raum für Austausch, Entschleunigung, Lektüre, Spiel, Speis und Trank. Es ist ein Spiegel seiner Zeit. Als Mikrogeschichte des urbanen Treibens lässt das Buch das große Ganze im Kleinen entdecken.

Frauen lange Zeit ausgeschlossen

Die Beiträge von Doris Knecht, Erich Bernard, Joachim Riedl, Herbert Lackner u. a. streifen die Politik-, Technik-, Kunst- und Kulturgeschichte. Wenn etwa in den 1920er-Jahren das Radio und der Jazz aufkommen und die Oase des Denkens und Philosophierens für so manche Zeitgenossen unnötig beschallen. Oder wenn jüdische Besitzer ab 1938 vom NS-Regime enteignet und vertrieben werden. Die Geschichte des Wiener Kaffeehauses ist reichhaltig mit Höhen und Tiefen.

Vor allem ist sie eine Geschichte von Männern. Bis auf die Sitzkassierin und das unsichtbare Küchenpersonal blieb Frauen der Zutritt bis 1840 verwehrt. So sind Anna Sacher, Gina Kaus oder Ingeborg Bachmann Randerscheinungen. Der Blick ist auf bereits bekannte „Geistesgrößen“ wie Ferdinand Raimund, Arthur Schnitzler, Karl Kraus oder Thomas Bernhard gerichtet.

Ruhepol von Vergangenheit bis Gegenwart

Dennoch spart der Band kaum etwas aus. Einzig die Kaffeehäuser in den Vorstädten und Arbeiterbezirken fern des sozialen und politischen Zentrums hätten mehr beleuchtet werden können. Zuweilen romantisiert er den Ort als allzu demokratischen Raum für alle, speziell in den kurzen, hauptsächlich männlichen Notizen und Memoiren.

Der alte Kaffee wird noch einmal aufgekocht. Aber er schmeckt trotzdem, denn die Hymne auf den Ruhepol von der Vergangenheit bis in die Gegenwart überzeugt, wirkt beinahe nostalgisch als Blick in scheinbar ferne Zeiten, in denen man sich ohne schlechtes Gewissen nahe kommen und dem Schachspieler über die Schulter schaue­n konnte.

Das Sahnehäubchen ist die Melange selbst: der Wechsel von längeren Beiträgen, kurzen Anekdoten und zahlreichen Illustrationen. Manche davon wurden erstmals veröffentlicht. Für die derzeitige häusliche Isolation eine willkommene Erinnerung an das so fremd Vertraute: die eigene Filterblase im Kaffeehaus ums Eck. Bleibt zu hoffen, dass die Biedermeier-Kultur anno 2020 mit den leeren Salons nur eine kurze Episode in der Geschichte der nächsten 335 Jahre ist.

Source – tt.com

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